Das Lise-Meitner-Gymnasium in Falkensee und das Goethe-Gymnasium
Stolberg – zwei Schulen, die bis vor einem Jahr noch nichts miteinander zu tun
hatten. Die eine liegt in einer Stadt ganz im Westen Deutschlands, die andere in
einer Stadt im Osten. Im Rahmen des Projektes „Jugend recherchiert Umwelt –
100 Schulen im Dialog", das vom Institut zur Förderung und Objektivierung
von Lern- und Prüfungsverfahren (IZOP) organisiert und von der Aachener
Zeitung betreut wird, lernten sich die beiden Gymnasien kennen, wurden zu
Partnerschulen und besuchten sich gegenseitig. Im April dieses Jahres erkundete
das Goethe-Gymnasium das „Naturreservat Falkensee" vor Ort. In dieser
Woche erfolgt nun der Gegenbesuch des innerdeutschen Schüleraustausches,
die Gymnasiasten aus Falkensee reisten Stolberg. Im Gepäck der Jugendlichen:
ihr Umweltprojekt „Kölner Dom". Gestern fuhr der Tross wieder aus Stolberg
ab. SZ-Mitarbeiterin Edda Kremer zieht Bilanz.
Schüler aus Ost und West sind fasziniert vom Kölner Dom
Umwelt-Projekt verbindet Jugendliche aus Stolberg und Brandenburg
Stolberg/Köln. Traurige Gesichter gab es gestern am Stolberger Bahnsteig, als die elf Projektschüler
der 10. Klasse des Lise-Meitner-Gymnasiums Falkensee nach einwöchigem Aufenthalt in der
Kupferstadt den Zug Richtung Heimat bestiegen. „Es war toll, uns gegenseitig kennen zu lernen. In
Falkensee waren es zuerst noch zwei Gruppen, da sind wir getrennt in den Bus gestiegen, aber dann
hat sich eine echte Freundschaft zwischen uns aufgebaut", beschreibt der 15-jährige Goethe-Schüler
Max Bauer die Zeit während und nach dem Besuch seiner Schule im brandenburgischen Falkensee.
Mit seinem gleich alten „Gastschüler" Bastian Pankau, der während des Aufenthalts der Falkenseer
Schule bei ihm wohnte, hat er die Aachener Region erkundet und in den vergangenen fünf Tagen viel
erlebt: Stolberger Kirmes, Düsseldorfer Altstadt und Fernsehturm, Aachener Schatzkammer und Dom
lauteten die vielfältigen Besichtigungen von Montag bis Mittwoch. Mit Projektlehrer Sascha Spilker
hatte die 9a des Goethe-Gymnasiums das Programm zusammengestellt. Die gemeinsame
Besichtigung der „RTL Studios" in Köln beeindruckte die Projektschüler aus Ost und West am
meisten. „Das war super interessant: Im Fernsehen wirkt alles viel größer und farbiger", erzählt
Franziska Fischer aus Falkensee, dem Einzugsgebiet Berlins. „Wir haben gesehen, wie eine Sendung
aufgebaut wird", fügt Max vom „Goethe" hinzu, den vor allem die Arbeit der Kameraleute
interessierte.
Am Donnerstag begann für die Gymnasiasten des Lise-Meitner-Gymnasiums dann die eigentliche
Arbeit. Sie besichtigten ihr Umwelt-Projekt, den Kölner Dom. Der Kunsthistoriker Dr. Rolf Lauer
führte die Projektschüler durch das Innere des Dorns und zeigte „eine ganz spannende Geschichte". In
einem Seitenchor enthüllte er eine aufwendige mittelalterliche Zeichnung des Doms.
Vor allem die an der Ostseite des Doms gelegene Dombauhütte zog die Schüler in ihren Bann. Auf
die Glaserei und die Steinwerkstatt hatten sie sich im Vorfeld besonders vorbereitet. Steinmetz
Markus Heindl erklärte die Arbeit in der Dombauhütte: „Bis 1990 waren wir mit der Beseitigung der
Kriegsschäden beschäftigt, im Moment ist die Verwitterung der Gesteine das Hauptproblem."
Der Kölner Dom besteht aus 50 verschiedenen Steinsorten, acht machen den größten Teil aus. Der
Schlaidtdorfer Sandstein aus der Gegend von Stuttgart ist jedoch besonders anfällig für die
Verwitterung. Bei Regen und Wind wird das Bindemittel im Stein zu Gips, wodurch der Stein
auskörnt. An einzelnen Stellen wird das Material ersetzt, manchmal muss aber das ganze Gestein
ausgetauscht werden. „Im Bereich der Strebebögen ist mittlerweile sogar die Statik in Gefahr", erzählt
Heindl. Deshalb haben die Handwerker in der Dombauhütte alle Hände voll zu tun. „Wir versuchen,
möglichst viel Originalsubstanz zu erhalten, wenn das Material es zulässt", beschrieb Heindl das
oberste Prinzip der Restaurierung. Neben Steinmetzen sind auch Dachdecker, Bildhauer,
Zimmermänner, Schreiner, Schlosser, Schmiede und Elektriker in der Werkstatt anzutreffen.
 |
Auf die Finger geschaut: Für 6500 Quadratmeter Glasfläche ist Werkstattleiter Peter Decker
zuständig.
|
Weiter ging es in die nebenan gelegenen Glaserei. „6500 Quadratmeter Glasfläche hat der Kölner
Dom, 3500 davon sind mittelalterlich", staunte Karolin Küster aus Falkensee nicht schlecht.
Kunstglaser und Werkstattleiter Peter Decker erklärte, wie Umwelteinflüsse wie der saure. Regen die
Oberfläche des Glases zerfressen und wie dieses in mühseliger Handarbeit wieder restauriert wird.
„Grundsätzlich wollen wir alles aus dem Mittelalter erhalten", erzählt Decker und erklärt das
aktuellste Projekt der Werkstatt: „Ein Fenster aus dem Südturm von 1880 wird anhand einer Skizze
wieder angefertigt." Nach vier Stunden Dom „pur" hatten die Schüler immer noch nicht genug von
dem im Jahr 1880 fertiggestellten Kirchenbauwerk. „Jetzt machen wir unsere Umfrage unter den
Passanten, was sie über die Geschichte des Doms wissen", riefen einige Richtung Lehrerin. Die
stellvertretende Klassenlehrerin der Falkenseer Klasse, Beate Titscher, war am Ende des
siebenstündigen Ausflugs in die Rhein-Metropole überrascht über den Lerneifer der Schüler.
In der nächsten Woche beginnt für die elf Gymnasiasten aus Brandenburg die Aufbereitung des
Besuches in der Kupferstadt. Im Goethe-Gymnasium hat die Nachbetrachtung über das
„Naturreservat Falkensee" schon längst begonnen. Ihre Eindrücke des deutsch-deutschen
Schüleraustausches dokumentieren die Pennäler in Reportagen, Interviews, Berichten und Fotos, die
in unserer Zeitung erscheinen werden.
Aachener Zeitung, 29.06.02
IZOP
Das Institut zur Objektivierung von Lern- und Prüfungsverfahren (IZOP) in Aachen-Hahn fördert in
Zusammenarbeit mit der Aachener Zeitung mit dem Projekt „Jugend recherchiert – 100 Schulen im
Dialog" bilaterale Umweltpartnerschaften zwischen Schulen aus den „alten" und „neuen"
Bundesländern. Das Projekt verfolgt drei Ziele: Durch den gegenseitigen Besuch der Partnerschule
leisten die jungen Menschen einen Beitrag zur „inneren Einheit"; durch die Beschäftigung mit einem
Umweltthema werden die Schüler sensibilisiert; durch regelmäßige Zeitungslektüre erfahren sie Sinn
und Nutzen der Lektüre. Die besten Artikel werden prämiert.